MURMELN IM KOPF (2021)

Was wäre, wenn nicht Sie ihr Gehirn steuern würden, sondern jemand anders? Vielleicht sogar ein ganzes Team, bestehend aus einer unberechenbaren Siebenjährigen, einer intelligenten Extremsportlerin und einer notorischen Phlegmatikerin? Und was, wenn Sie nie wüssten, wer aus dem Team als nächstes das Steuer übernimmt? Was, wenn Ihre Wahrnehmungen, Emotionen und Handlungen das Ergebnis erratischer Anweisungen aus der Zentralsteuerung wären?

Tauchen Sie ein in die bunte Welt von geschätzten 2-5 % der Bevölkerung, die sich täglich auf dem Grat zwischen Leidenschaft, Langeweile und Wahnsinn bewegen. Eine Soloperformance über die Wahrnehmung der Welt als Normabweichung und ein Leben zwischen Anpassungs- und Revolutionstendenzen. Ohne Gewähr auf Vollständigkeit!

Von und mit: Isabel Remer

Technik und Bühnenbild: Ralf Bensel

Termine

Online-Aufführungen:
21.05.2021 – Premiere
22.05.2021

Aufführungen vor Publikum:
18.09.2021
19.09.2021
03.10.2021 (im Rahmen des flausen-Festivals)

Antje Dossmann in Resonanzen OWL

aufgerufen am  9.10.2021

Am 3. Oktober wurde im Tor 6 Theaterhaus “Murmeln im Kopf” gezeigt. Eine Performance, von der sich in kulturbegeisterten Kreisen bereits herumgesprochen hatte, dass sie außerordentlich sehenswert sei. Tatsächlich ist es nicht übertrieben, die Bühnenleistung der Solistin Isabel Remer als spektakulär zu bezeichnen. Eine unglaubliche Dreiviertelstunde lang kletterte und hangelte sie sich im kleinen Saal des Theaters kopfunter und kopfüber durch einen Parcours voller Hindernisse, der stellvertretend stand für all die Hürden des Alltags, die zu überwinden auch Zugehörigen der Mehrheitsmasse gelegentlich äußerst mühsam erscheint.

Aber darum ging es nicht in diesem starken Stück. Nicht um die Mehrheitsmasse, nicht um punktuelle Überforderungen. Sondern um Dauerstress, um das Gefühl, permanent mit Reizen befeuert zu werden, ohne einen Schutz dagegen zu haben. Um ständige Überflutung, Überforderung. Um die Unfähigkeit Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen, aber auch um die trotzige Verweigerung, dieses zu tun, ohne die es keine Kunst geben würde.

Auf Art einer wahren Clownin zeigte Isabel Remer das ganze Drama, aber auch die ganze gelegentliche Großartigkeit, die es bedeutet, als Erwachsener von ADHS betroffen zu sein, einer bislang wenig erforschten neurophysiologischen Schrankendurchlässigkeit, die das Leben auf der Normallinie unmöglich macht. Das zwischen biegendem Lachen und betroffenem Schweigen hin- und her bewegte Publikum wurde förmlich hineingesogen in das Überschussenergiefeld, das die Schauspielerin umgab. Dadurch nahm es ungewohnt intensiv Anteil an dem artistischen Daseins-Balanceakt ihrer Figur und all den überanstrengenden Verrenkungen, die es für sie bedeutete, dem gesellschaftlichen Anpassungsdruck wenigstens ungefähr standzuhalten. Im Klartext: nicht allzu verrückt zu wirken, nicht allzu chaotisch, sprunghaft und unzuverlässig.

Aber so schmerzhaft es war, die inneren Panikattacken und quälenden Selbstvorwürfe der getriebenen Alltagsheldin mitzuerleben, so sehr faszinierten auf der anderen Seite ihre wie plötzliches Feuer auflodernden, buchstäblich zündenden Ideen. Allein Hamlets “Sein oder Nichtsein-Monolog” – im englischen Original! – statt einem knöchernen Totenschädel, einem Silikongehirn zu halten, wie es Isabel Remer im Tor 6-Theaterhaus tat (und hoffentlich noch in weiteren Vorführungen tun wird), kam einem Geniestreich gleich. So verneigte man sich am Ende still vor einer, die wie eine Kerze an beiden Enden brennt. Das in aller Konsequenz und mit allem bitteren, aber auch schöpferisch-kraftvollem Nachdruck zu zeigen und für andere spürbar zu machen, war ganz große Klasse!

Die Arbeit des Theaterlabors wird gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW und die Stadt Bielefeld.